Durch ein dunkles Glas

Barbara Frischmuth

Zur Ausstellung der Bilder von Lotte Lichtblau

Es war ein Tag im Mai 1976, an dem ich Lotte Lichtblau kennenlernte. Diesem Kennenlernen war die Odyssee eines Briefes vorangegangen, den Lotte mir aufgrund eines meiner Bücher, das ihre Schwester ihr von einem Österreich-Besuch mitgebracht hatte, schrieb. Einen Brief, in dem stand, daß auch ihr jeder Stein in Altaussee bekannt sei. Den Brief schickte sie in Ermangelung einer anderen Adresse ans Seehotel, von dort ging er an meine damalige Oberweidner Adresse und von Oberweiden wurde er wieder nach Amerika zurückgeschickt, nämlich nach Oberlin, Ohio, wo ich gerade für einige Monate als writer in residence lebte. Statt einer Antwort rief ich Lotte an und wir vereinbarten ein Treffen, da ich demnächst mit meinem damals zweieinhalbjährigen Sohn ein paar Tage bei dem Maler Paul Rotterdam am unteren Ende des Broadway zu Besuch sein würde. Als ich dann schließlich Anfang Mai, mein Kind geschultert (es war im Taxi eingeschlafen), vor der offenen Wohnungstür stand, fiel mein Blick über den Kopf von Lotte hinweg auf ein Bild vom Loser und darunter lag auf einem Tischchen ein Tuch, das aus Aussee stammen mußte. Und als sie mich dann hineinbat, geschah das in einer Sprache, die nicht den leisesten Anhauch eines Akzents aufwies, und das beinah vierzig Jahre nachdem sie und ihre Familie aus Österreich vertrieben worden waren.

Und während mein Kind mit den Stiften, die Lotte ihm gegeben hatte, damit es sich ein wenig beschäftige, die Wohnung verwüstete, saßen wir beide da und redeten und redeten, was wir übrigens heute noch tun, wenn wir uns, sei es in New York, in Wien oder in Altaussee in ziemlich regelmäßigen Abständen treffen. Damals erzählte ich ihr von meinem Buch ‘Die Mystifikationen der Sophie Silber’, das im Herbst erscheinen sollte, und Lotte stand immer wieder auf, um eines ihrer Bilder, das sich mit dem gleichen Thema auseinandersetzte, zu holen. Manchmal bekam ich dabei geradezu eine Gänsehaut ob der vielen Entsprechungen, vor allem bei einem, das geradezu eine meiner Hauptfiguren im Inneren des Salzbergs zeigte. Kurze Zeit später, im Juli 1976, kam Lotte dann mit ihren alten Freunden Maria und Anestis Logothetis, einem Wort- und Tonkünstler der Avantgarde, mit denen ich dann über Jahre ein Ferienhaus teilen sollte, nach Altaussee und wir saßen Abend für Abend auf der Veranda und unterhielten uns - über was wohl - Malerei, Musik und Literatur, wobei gelegentlich die Funken stoben, weshalb uns der Gesprächsstoff auch nie ausgegangen ist.

Seither ist mehr als ein Vierteljahrhundert vergangen und wir tauschen noch immer Bilder, Bücher, Gedanken und Familiennachrichten miteinander aus. Daß es doch noch gelungen ist, wenn auch nicht in Altaussee, dem ‘Mittelpunkt der Welt’, wie der Titel eines der Altaussee-Bilder lautet, so zumindest in der Hauptstadt des Ausseerlandes, in Bad Aussee, Lotte Lichtblaus Bilder auszustellen, ist ein Akt jener ‘ausgleichenden Gerechtigkeit’, die es - je öfter beschworen, desto seltener - gibt.

Es ist nicht an mir, Lotte Lichtblaus künstlerischen Weg zu kommentieren oder ihre Malerei methodisch und herkunftsmäßig zu bestimmen, dafür sind Kunsttheoretiker und Kunstgeschichtler zuständig. Ich will nur beschreiben, wie es mir mit ihren Bildern geht und was ich durch sie und mit ihnen erfahren habe.

Es sind vorwiegend dunkle, glühende Farben, in denen sich Lotte Lichtblau an ihre Kindheit, die sie Sommer für Sommer nach Altaussee geführt hat, erinnert, als schaute sie tatsächlich durch ein ‘dunkles Glas’, vielleicht, um vom Strahlen dieser frühen Erinnerungen nicht geblendet zu werden. „Hier in Altaussee“, hat sie einmal zu mir gesagt, „habe ich sehen, das heißt malen, gelernt, indem ich stunden-, ja tagelang die Trisselwand anschaute. Und dabei habe ich begriffen, was Form ist.“ Noch immer ist die Trisselwand ‘der’ Berg auf ihren Bildern. Jenseits aller Heimat- oder nicht Heimatgefühle ist diese Trisselwand ein formaler Vorwurf, an dem sie sich zeitlebens abgearbeitet hat.

Es haben in all den Jahren, in denen ich bewußt am kulturellen Geschehen teilnehme, eine ganze Reihe von Diskussionen über den Begriff Heimat stattgefunden, die ihm aber alle seine Unschuld nicht zurückgeben konnten. Zu viel politisches Schindluder ist mit ihm getrieben, zu sehr ist er immer wieder mißbraucht, zu oft ist er auf eine Weise sentimentalisiert worden, die eine vernünftige Auseinandersetzung erschwert hat.

Künstlerische Heimat hingegen hat von Haus aus nichts mit Blut sondern mit Bildern und mit Sinneseindrücken zu tun. Vor allem aber mit Form. Eine Landschaft wird nur dann zur lebenslangen Anregung, wenn man etwas aus ihr und mit ihr machen kann, wenn sie nicht nur im Empfinden sondern auch im Ausdenken eine Rolle spielt. Das Ausseerland scheint etwas von dieser Qualität zu haben. Nicht nur für Lotte Lichtblau, auch für andere war und ist es ‘Seelenlandschaft’, etwas, das sie ihr Inneres erkennen oder zumindest als angedeutet erleben läßt.

Das Altaussee zum Beispiel, das mir aus Lotte Lichtblaus Bildern entgegenleuchtet, ist ein Altaussee, das durch ihren Kopf und ihre Hände gegangen ist, ein transformiertes also, das mit dem erkennbar Altausseerischen wie mit einem Zitat oder einer Anspielung umgeht. Ein Altaussee jedoch, das so viel mehr ist, als die Losergemeinde, als die es allenthalben gepriesen und angepriesen wird. Es ist ein Altaussee, das selbst mich, die ich hier geboren und aufgewachsen bin, und für die dieser Ort ebenfalls eine wichtige Rolle spielt (nicht nur für mich als Person, sondern auch für meine Literatur), ein Staunen und ein Schaudern lehrt, das alle Freuden und alle Schrecken in sich zu bergen scheint, alles Dunkle genau wie alles Helle. Und nur so wird dieser Ort, der manchmal zur touristischen Ikone zu erstarren droht, wieder künstlerisch erlebbar und dadurch tatsächlich zu einem ‘Mittelpunkt der Welt’.

Womit mich die Freundschaft mit Lotte Lichtblau und all die Gespräche der vergangenen 26 Jahre aber noch konfrontiert haben, ist ein Blick auf meinen Geburtsort, der weiter zurückreicht als meiner und - weil er in gewisser Weise von außen kam - auch ein genauerer ist. Einer, der damals schon vergleichen konnte. Im Gegensatz zu meinem Blick, der diese Vergleichsmöglichkeiten nicht hatte, da ich die ersten zehn Jahre meines Lebens aus dem Ausseerland so gut wie nicht hinausgekommen bin.

Für mich waren das Haus, der Garten, der See und die Berge das, was meinen Alltag ausmachte, was mir manchmal auch als ziemlich banal erscheinen konnte, wohingegen meine Sehnsucht ganz andere Landschaften imaginierte, Landschaften von denen ich erzählt bekam oder über die ich gelesen hatte. Ich träumte - angeregt durch die Kinder-Ausgabe von ‚Tausendundeiner Nacht’ - von Palmenhainen, Meer- und Flußlandschaften, ja, sogar von Wüsten, und diese Art Sehnsucht hat später sogar die Wahl meines Studiums beeinflußt.

Ich wollte weg, und das schon sehr früh, möglichst weit weg, um meine Neugierde auf alles, was über Aussee hinausging, zu befriedigen. Während Lotte, wenn ich es richtig sehe, schon sehr bald eine Entscheidung für Aussee getroffen hat. Für Aussee als Landschaft ihrer Wahl, als Landschaft der Imagination, mit der sie sich ja auch über viele Jahre hin zufriedengeben mußte. Dennoch hat sie ihre Anschauung bewahrt, hat sie gemalt und wieder gemalt und hat sie, nämlich diese Anschauung, sobald es ihr wieder möglich war, erneuert.

Ich gebe zu, daß viele ihrer Erzählungen über das Altaussee vor meiner Zeit auch meine Anschauung erweitert haben. So zum Beispiel die Figur ihrer Großmutter, die in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren im Cafe Fischer einen Bridge-Salon leitete und die mit einem ihrer Aussprüche in mein Kinderbuch ‘Sommersee’ eingegangen ist. Lotte hatte mir nämlich erzählt, daß ihre Großmutter nachdem sie, Lotte, ein Geschenk bekommen hatte, zu ihr sagte: „Jetzt kannst du es weiterschenken. Du hast dich eh schon gefreut.“ü Sie hat mir von den Tanzveranstaltungen vor dem Krieg in der Seewiese erzählt und vom Baden im Strandbad, Dinge, die in meiner Kindheit nur mehr spurenweise vorhanden waren, gerade noch so, daß ich mir vorstellen kann, wie sie in Lottes Kindheit gewesen waren.

Was ich damit sagen will ist, daß die Bilder von Lotte Lichtblau uns nicht das zeigen, was wir Ausseer ohnehin schon alle kennen und wissen, sondern daß sie - schließlich sind auch all die Erzählungen aus dem Gedächtnis der Malerin Lotte Lichtblau auf subtilste Weise in ihnen enthalten - unser aller Erinnerung vervollständigen, indem sie dem von uns oft genug unbewußt Wahrgenommenen etwas bewußt Wahrgenommenes und bewußt Gestaltetes hinzufügen. Auch eine Landschaft wird erst zur Landschaft, wenn sie ein transformierender Blick trifft, ein Blick, der sie bewußt in Beziehung zu anderen realen und möglichen Landschaften setzt und ihr das für sie, vielleicht für sie allein Typische abgewinnt. Ansonsten bleibt sie immer nur Gegend.

So betrachtet haben diese Bilder mir viel zu sehen ermöglicht, was ich ohne sie in Aussee nie gesehen hätte. Und sie haben in mir so manchen Satz locker gemacht, der sich in der einen oder anderen meiner Prosaarbeiten wiederfindet. Schon allein deshalb möchte ich Lotte Lichtblau für ihre Bilder danken und dafür, daß sie schon als Kind die Trisselwand so lange angeschaut hat, bis sie vieles entdeckt hat, auf das wir alle und die Einheimischen möglicherweise erst recht, gar nie gekommen wären.

(Eröffnungsrede vom 2. Juli 2002)

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